Warum Astronauten Sternchen sehen
Sogar mit geschlossenen Augen können Raumfahrer Sterne sehen - Ursache sind Einschläge in der Netzhaut. Mit Daten, die auf der Station "Mir" gesammelt wurden, sind Forscher dem Phänomen nachgegangen.
Spiegel Online,
Wissenschaft, 17. April 2003
SPO170403 - Wenn Astronauten Sterne sehen, liegt
das nicht immer daran, dass sie einen ruhigen Moment lang
in die Weiten des Weltalls blicken. Manchmal erscheinen
ihnen auch Sternchen, wenn ihnen gar nicht danach ist -
selbst mit geschlossenen Augen. Immer wieder leuchten kurze
Lichtblitze auf, scheinbar ohne dass es einen Grund dafür
gibt.
Das seltsame Phänomen hatten Astrophysiker bereits 1952
vorhergesagt - lange vor jedem bemannten Raumflug. Die
Ursache sind kosmische Teilchen, die vom Magnetfeld der
Erde eingefangen werden und einen Strahlungsring bilden,
den so genannten Van-Allen-Gürtel. Sie reagieren mit
Bestandteilen in der Netzhaut, fast wie bei einem Schlag
aufs Auge.
Bisher hatten Forscher als Urheber der Blitze allein
Protonen in Verdacht, was nahe liegt, da der
Strahlungsgürtel fast ausschließlich aus den positiv
geladenen Elementarteilchen besteht. Andere Komponenten wie
vereinzelte schwere Atomkerne, Elektronen oder
Gammastrahlung machen nur Bruchteile aus. "
Jetzt präsentiert Marco Casolino von der UniversitätTor
Vergata in Rom gemeinsam mit Kollegen aus fünf Ländern im
Fachmagazin "Nature" neue Daten, die belegen, dass es noch
eine zweite Ursache für die Lichtblitze geben muss.
Zwischen 1998 und 2000 untersuchten Kosmonauten auf der
inzwischen in der Atmosphäre verglühten russischen
Raumstation "Mir" das Phänomen mit speziellen lichtdichten
Helmen. Damit konnten sie ungestört Sternchen zählen,
während ein Strahlungsdetektor die Teilcheneinschläge
registrierte.
Die Forscher hatten erwartet, dass die Zahl der Lichtblitze
mit der Stärke der Strahlung im Magnetfeld der Erde
ansteigt. Um diese Vermutung zu überprüfen,
experimentierten die Kosmonauten an verschiedenen Stellen
der Umlaufbahn. Je nachdem, an welchem Ort des magnetischen
Erdfeldes sie sich aufhielten, änderte sich die Stärke des
Partikelstroms.
Am heftigsten ist er im Bereich der Südatlantischen
Anomalie zwischen Südamerika und Afrika. Dort dringt der
Van-Allen-Gürtel dank einer Schwäche im Magnetfeld bis in
den Bereich der damaligen Umlaufbahn der "Mir" in 300 bis
400 Kilometer Höhe vor. "Eigentlich sollten die Kosmonauten
in dieser Zone viel mehr Lichtblitze sehen als an den
anderen Stellen", sagt Casolino. Überraschenderweise war
die Zahl der Sternchen dort aber kaum höher als anderswo im
Orbit.
Erst als Casolino und Kollegen die Protonen außer Acht
ließen und stattdessen den Anteil besonders energiereicher
Partikel mit den gezählten Blitzen verglichen, ergab sich
ein Zusammenhang. Offenbar gibt es noch eine zweite
Teilchengruppe, die Astronauten Sternchen sehen lässt,
folgern die Forscher. Casolino: "Nach allem, was wir
wissen, sind schwere Atomkerne die zweite Ursache." Sie
machen zwar weniger als ein Prozent der Strahlung aus, daür
durchdrangen sie aber - anders als etwa Elektronen oder
Gammastrahlung - die drei Millimeter dicke Aluminiumhülle
der Raumstation.
Schwere Kerne sind um ein Vielfaches energiereicher als
Protonen. "Ihnen gelingt es, Atome in der Netzhaut zu
ionisieren oder anzuregen, so dass sie Energie in Form von
Licht abgeben", erklärt Casolino. Die kleineren und
leichteren Protonen kratzen die Atomkerne dagegen nur an -
ein Leuchten entsteht viel seltener.
Die Kosmonauten auf der "Mir" zählten bei ihren Tests pro
Stunde durchschnittlich bis zu zehn Blitze, Astronauten der
Apollo-Missionen 14. Auf der amerikanischen Raumstation
"Skylab" sahen die Crewmitglieder zeitweise wahre
Leuchtfeuer: Jede Sekunde blitzte es in ihren Augen auf.
Casolino: "Das liegt vor allem an der besseren Hülle der
'Mir', aber auch an der üppigen Innenausstattung, die eine
Menge Teilchen schluckt."
Spiegel Online,
Wissenschaft, 17. April 2003
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