Der Mensch im Tier
Kriege zwischen Artgenossen: Erstmals wurden auch Kapuzineraffen beim Morden beobachtet.
Süddeutsche Zeitung,
Wissenschaft, 26. August 2003
SZ260803 - Martialische Schreie durchbrechen die
Stille des Waldes. Aufgeschreckt springen die beiden
Affenforscherinnen von ihrem Lager auf und laufen in die
Richtung des Tumults. Was sie sehen, lässt ihnen für einen
Moment das Blut in den Adern stocken. Pablo, der Anführer
einer Gruppe von Weißschulter-Kapuzineraffen, drückt ein
fremdes Männchen auf den Boden, das verzweifelt Alarmrufe
ausstößt. Weitere Männchen kommen dazu und stürzen sich auf
ihren hilflosen Artgenossen. Drei halten ihn am Boden, zwei
andere reißen Fleischfetzen aus seinem Körper. Das Opfer
schreit, brüllt, windet sich in Todesangst.
So schnell sie können sprechen die beiden aufgeregten
Biologinnen die Szene in ihr Aufnahmegerät. "Insgesamt fünf
Männchen rammen ihre Zähne in seinen Körper", geben Susan
Perry und ihre Assistentin zu Protokoll. Das Opfer schreit
herzzerreißend, dem Tode nahe. Plötzlich reißt es sich doch
los und kann den Häschern blutüberströmt entkommen.
Die beiden Frauen können kaum glauben, was sie in drei
Minuten gesehen haben. Dieselben Tiere, die sonst liebevoll
mit ihren Jungen spielen, waren zu blutrünstigen Mördern
geworden. Fünfmal in zwölf Jahren wurden Susan Perry, die
zurzeit am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre
Anthropologie arbeitet, und ihre Kollegen in Costa Rica
Zeugen solcher Gemetzel. Jetzt beschreiben sie ihre
Beobachtungen erstmals im Fachmagazin Primates (DOI:
10.1007/s10329-003-0050-z).
Fast immer liefen die Überfälle nach demselben
heimtückischen Muster ab: Eine ganze Gruppe von Tätern
stürzt sich auf ein einzelnes Opfer - Szenen, wie man sie
sonst eher bei organisierten Angriffen unter Menschen
sieht. Bei Tieren kennen Biologen solche
Auseinandersetzungen nur von einer Handvoll Arten. Soziale
Raubtiere wie Löwen, Wölfe und Hyänen führen vereinzelt
Krieg. Ansonsten scheinen vor allem die nächsten Verwandten
des Menschen, die Affen, zum Mord fähig zu sein. So gibt es
Berichte, dass sich Berggorillas ebenso wie Rote
Stummelaffen untereinander brutal bekämpfen.
Am besten erforscht aber sind die Kleinkriege der
Schimpansen. Jane Goodall beschrieb sie in den 70er-Jahren
als erste ausführlich. Damals wurde die Schimpansengruppe
Kahama in einem fünf Jahre dauernden Guerillakrieg am
tansanischen Tanganjika-See von ihren Nachbarn nahezu
ausgelöscht. Mit dem Erfolg, dass sich die Sieger in den
nächsten Jahren der Übergriffe anderer Horden erwehren
mussten.
In den tödlichen Gruppenkämpfen glauben Verhaltensbiologen
die Wurzel von Mord und Totschlag unter Menschen zu
erkennen. Eine These, gegen die sich Sozialwissenschaftler
seit Jahrzehnten sträuben. Die meisten von ihnen glauben,
dass Krieg und Gewalt Folgen kultureller Besonderheiten des
Menschen sind: Die soziale Vielfalt mit ihren
unterschiedlichen Lebensphilosophien und die Verfügbarkeit
von Waffen, die das Morden leichter machen, sollen ebenso
dazu beigetragen haben wie die Sesshaftigkeit mit dem damit
verbundenen Landbesitz und eine hohe Bevölkerungsdichte.
"Breite Kreise von Sozialwissenschaftlern haben eine
regelrechte Furcht vor biologischen Modellen, die die
Aggression beim Menschen erklären", sagt Erich Weede,
selbst Soziologe und Politikwissenschaftler an der
Universität Bonn. Die Berührungsängste von Soziologie und
Biologie hätten zum einen mit der Rassentheorie der
Nationalsozialisten zu tun, die sich biologischer Argumente
für ihre Untaten bedienten, so Weede. Zum zweiten habe die
biologische Sicht immer auch den Ruch des Unvermeidlichen.
Sozialwissenschaftler befürchten, dass Gene und artgemäßes
Verhalten als Rechtfertigung für Untaten jeglicher Art
herangezogen werden könnten. Wären dagegen nur die
menschlichen Lebensumstände Ursache für Mord und Totschlag,
könnte man dem Traum vom "Frieden auf Erden" womöglich
näher kommen. Schließlich ist die Kultur menschengemacht
und könnte somit auch vom Menschen verändert werden.
Die Diskussion um die biologischen Wurzeln der Aggression
entfachte der Verhaltensbiologe Konrad Lorenz, der als
"Gänsevater" bekannt geworden ist, schon 1963: In seinem
Buch "Das sogenannte Böse" schrieb der spätere
Nobelpreisträger, es sei nur konsequent zu Ende gedacht,
dass menschliche Aggression einen biologischen Kern habe.
Menschen seien aggressiv, weil der Keim der Gewalt ihnen
schon in die Wiege gelegt sei, so Lorenz. Die Aggression
sei das Erbe ihrer tierischen Vorfahren.
In einem Punkt irrte Lorenz allerdings: Er glaubte, es gebe
eine natürliche Tötungshemmung, die jedes Lebewesen davon
abhält, seine Artgenossen umzubringen. Gelegentliche Fälle
bei Tieren hielt er für pathologisch. Schließlich schade
der Brudermord dem Fortbestand der Art. Überlegene Wölfe,
so der Österreicher, ließen zum Beispiel sofort vom
tödlichen Biss ab, wenn der Unterlegene sich nicht mehr
wehrt und dem Sieger seine Kehle anbietet. Kriege unter
Affen hielt Konrad Lorenz für unmöglich. Dabei sind jene
Tiere, die Jagd auf andere machen, keineswegs gestört.
Angriffe auf andere Exemplare der eigenen Art scheinen bei
den Affen vielmehr aus den gleichen egoistischen Motiven
wie beim Menschen zu geschehen.
Es geht um Lebensraum und Ressourcen, aber auch um
Prestige. All das bringt mehr Paarungspartner ein. "Aus
denselben Gründen führen nicht nur moderne Menschen Krieg,
sondern auch ursprüngliche Jäger-und-Sammler-Kulturen, wie
zum Beispiel die afrikanischen Aché- und !Kung-San-Stämme",
sagt Richard Wrangham, Anthropologe an der
Harvard-Universität.
Wenn es allerdings ausschließlich darum ginge, Konkurrenten
aus dem Weg zu räumen, müssten auch viele andere Tierarten
soziale Killer werden. "Die Beseitigung von Rivalen kann
also nur ein Teil der Wahrheit sein", sagt Joseph Manson,
der zurzeit mit Susan Perry am Leipziger
Max-Planck-Institut forscht. Gemeinsam verfolgen sie zwei
alte Hypothesen, mit denen sich die Kriegslust von Mensch
und Tier erklären ließen: Jagdtrieb und Intelligenz.
Evolutionspsychologen glauben, dass sich kriegerische
Aggression nur bei wenigen Arten entwickelt hat, weil den
meisten anderen schlicht das Hirn dazu fehlt.
"Bei organisierten Überfällen muss man Genossen dazu
bringen, das Risiko mit einem zu teilen, und gleichzeitig
die Drückeberger entlarven und bestrafen können", erläutert
Manson. Das erfordert eine hohe soziale Intelligenz, über
die neben Mensch und Menschenaffen vor allem die sozialen
Raubtiere verfügen. Kapuzineraffen, deren Kriegsführung
Susan Perry nun beschrieben hat, gehören zwar nicht zu den
Menschenaffen; unter den Affen haben sie aber die relativ
größten Gehirne: Unter der Schädeldecke haben sie fast so
viel Platz wie die frühen Menschen.
Die Tiere, von denen brutale Angriffe auf Artgenossen
bekannt sind, haben aber noch eines gemeinsam: "Menschen,
Schimpansen und Kapuzineraffen gehören zu den wenigen
Primaten, die regelmäßig Jagd auf andere Wirbeltiere
machen", sagt Joseph Manson. Wie Löwen und Wölfe sind diese
Primaten also Raubtiere mit entsprechendem Jagdinstinkt.
Statt eines Beutetiers auch einmal einen Artgenossen
anzugreifen - wenn auch nicht aus Hunger, sondern aus
Machtstrebe - liegt da nahe.
Verhaltensbiologen verfolgen seit einiger Zeit die Idee,
dass Arten so etwas wie "Verhaltenssyndrome" entwickeln.
Damit meinen sie, dass manche Verhaltensmuster zu ganzen
Sets gekoppelt sind. Wenn zum Beispiel ein Hund aggressiv
ist, sträubt sich ihm das Fell, er fletscht die Zähne und
springt den Gegner an. "Kapuzineraffen nutzen das
aggressive Verhaltenssyndrom in den unterschiedlichsten
Momenten", sagt Susan Perry. "Sie jagen die Babys der
Nasenbären als Beute, greifen mögliche Gegner wie den
Ozelot in einer Art Vorwärtsverteidigung an und manchmal
stürzen sie sich eben auch auf Artgenossen." Womöglich
haben die Tiere ihre Aggression zunächst zur Beutejagd
gebraucht. Irgendwann im Laufe der Evolution begannen sie
dann, Gewalt auch in Auseinandersetzungen mit Raubtieren
und Artgenossen einzusetzen.
Auch wenn die Biologen bei ihrer Forschung den Menschen im
Blick haben, liefern sie damit keineswegs eine
Rechtfertigung für dessen Kriege, wie Soziologen
befürchten. Die Verhaltensforscher glauben vielmehr, dass
ihre Erkenntnisse entscheidend dazu beitragen, Gewalt
besser zu verstehen und sie dadurch zu vermeiden. "Wenn wir
ergründen, welche Tierarten unter welchen Bedingungen
ihresgleichen angreifen, können wir auch dahinter kommen,
wie sich in der menschlichen Evolution die psychologischen
Mechanismen zur Kriegsführung entwickelten", so Perry und
Manson. "Es hat immer auch friedfertige menschliche
Gesellschaften gegeben, und auch bei den Schimpansen machen
nicht alle Populationen Jagd auf Fremde."
Süddeutsche Zeitung,
Wissenschaft, 26. August 2003
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